Heute hat es mich erwischt, ich besetze das ungeliebte Mehrzweckfahrzeug.
Mit diesem MZF besetzen wir über Tag, wie üblich, eine kleine Klitschenwache ein paar Kilometer von der Hauptwache entfernt.
Über den Tag verteilt haben wir ein paar Krankentransporte und einen Notfalleinsatz. Alles nichts wirklich Schlimmes, aber so geht die Zeit wenigstens um.
Gegen Abend wechselt man mit dem MZF immer auf die Hauptwache, um dort als KTW weiter zu fahren.
In etwa einer halben Stunden dürfen wir uns auf den Weg zur Hauptwache machen und beginnen die Miniwache wieder in Schuß zu bringen.
Gerade als ich heißes Wasser in das Spülbecken gelassen habe, um das Geschirr abzuspülen, piept der Funkmeldeempfänger.
*piiiiiiiep* *piiiiiiiep* *piiiiiiiep*
Der Piepton verrät uns, dass es sich um einen Krankentransport handelt.
Während ich weiter abspüle klärt mein Kollege mit der Leitstelle, dass wir ein paar Minuten zum Ausrücken brauchen, da wir ja nach dem Einsatz zurück zur Hauptwache fahren können, wenn alles schüssig ist und wir nicht extra wieder zur Miniwache fahren wollen.
Der Disponent ist damit einverstanden und erklärt, dass es sich wohl um eine erkrankte Frau handeln soll.
“Oma ist krank haben sie gesagt. Das ist wohl nix Wildes. Lasst Euch Zeit. Gartenstr. 88 bei XY“
Obwohl wir einen Freifahrtschein zum Trödeln bekommen haben beeilen wir uns.
Die Tassen können einfach auf einem Handtuch abtropfen, die restlichen Sachen sind schnell gepackt und so beginnen wir unseren Einsatz etwa 5 Minuten später.
Natürlich herrscht schon Feierabendverkehr und wir kommen nur langsam voran. Unser Einsatzort liegt mitten im Einsatzbereich der Hauptwache, es war nur kein anderer KTW frei.
Nach gefühlten drei Stunden, es waren aber doch nur 30 Minuten, geben wir Status 4 und melden uns eintreffend.
Daraufhin spricht uns die Leitstelle an.
“XX-83-6, übernehmen Sie erst Einsatz als First Responder! Einsatzort identisch auf den Namen YZ. Internistischer Notfall! XX-83-1 ist zu Ihnen unterwegs.”
Wir bestätigen unseren neuen Einsatz, holen EKG, Absaugung und die beiden Koffer aus dem Fahrzeug und gehen zum Eingang des Hochhauses. Die Namensliste an der Klingel ist lang und wir brauchen ein paar Sekunden bis wir den Namen finden.
An der Wohnungstür erwartet man uns bereits und lotst uns zur Patientin.
Als ich in das Schlafzimmer der älteren Dame komme kann ich keine Vitalzeichen feststellen. Auf die Frage, wann die Frau das letzte Mal gesprochen wurde sagt man uns, dass dies etwa 10 Minuten her sei.
Wir heben die Frau aus dem Bett, sie rutscht sanft zu Boden. Die Angehörigen schicken wir als Einweiser ins Treppenhaus und an die Straße.
Mit meinem Handy alarmiere ich über die Leitstelle den Notarzt.
Eifrig beginnen wir die Reanimation der Patientin. Die Tochter steht weiterhin bei uns im Raum und ich frage sie nach Vorerkrankungen, Medikamenten, nach allem was eine Anamnese ausmacht.
“Ne, also krank war sie eigentlich nie. Sie nimmt da so Tabletten gegen den Blutdruck und, ach wie heißt das noch, irgendwas mit A…”
“Asperin? ASS?”
gebe ich fragend einen Tipp, ich hatte die Packung ASS bereits auf dem Weg zum Schlafzimmer im Wohnzimmer gesehen.
Die Tochter bestätigt meinen Medikationsverdacht und steht wie angewurzelt in der Tür des kleinen Zimmers.
Erstaunlich gefasst beobachtet sie alle Maßnahmen, die wir durchführen, läßt sich auch nicht aus dem Schlafzimmer schicken.
Nach etwa 8 Minuten hören wir im Flur die Kollegen vom RTW.
Schnell mache ich eine Übergabe an die frische Besatzung.
“Initial Asystolie, nach Angaben der Angehörigen jetzt vor etwa 20 Minuten das letzte Mal mit ihr gesprochen, Blutdruckmedikante und ASS, wir reanimieren seit etwa 10 Minuten, Intubation und Zugang stehen, Medikamente sind aufgezogen…”
Zu viert wechseln wir uns immer wieder bei der Herzdruckmassage ab. Jede Minuten tauschen wir, damit möglichst effizient gedrückt werden kann.
Nach weiteren 4 Minuten trifft der Notarzt bei uns ein. Auch ihm übergebe ich die Patientin. Er intubiert, gibt ein paar Medikamente. Wir wechseln uns immer weiter beim Drücken ab.
Nach einer Viertelstunde stellt der Arzt die Reanimation ein. Wir räumen unser Schlachtfeld auf, dass wir fabriziert haben, der Notarzt erklärt den Angehörigen inzwischen, dass für die ältere Dame jede Hilfe zu spät kam.
Da wir unsere Koffer komplett blank gezogen haben bitten wir die Besatzung des XX-83-1 unseren eigentlich Einsatz “Oma krank” zu übernehmen, schließlich stand der ja nun noch an.
Etwas widerwillig stimmen sie zu und gehen an die Haustür um bei XY zu klingeln. Zwei Minuten später stehen die Kollegen wieder bei uns im Schlafzimmer.
“Äh… also… das hier war Oma krank…”
erklärt uns einer der Beiden.
Auf dem Rückweg zur Wache überlegen wir, ob wir der Dame noch hätten helfen können, wenn wir nicht erst die Tassen gespült und unsere Sachen zusammengepackt hätten.
Ich glaube, diese Gedanken sind normal, aber sie sind halt nicht schön.
An der Rettungswache erklärt uns später der Notarzt, dass die Frau wahrscheinlich schon seit Stunden tot war. Sie hatte lediglich keine sicheren Todeszeichen, weil sie unter einer dicken Decke mit Heizdecke lag. Die Aussage der Angehörigen, dass sie noch vor wenigen Minuten mit der Dame gesprochen hatten konnte also nicht stimmen. Zeiten sind halt schwer zu schätzen.